Schwach im Lesen, großes Qualitätsgefälle, soziale Unterschiede
-um deutsche Schüler ist es schlecht bestellt


Das Projekt

Unter anderem als Reaktion auf die Dritte Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie (TIMSS), die vor fünf Jahren schon magere Ergebnisse der deutschen Schüler für die Mathematik- und Naturwissenschaftskompetenz der deutschen Schüler erbracht hat, haben die Kultusminister der Länder beschlossen, sich an der internationalen Schulleistungstudie PISA (Programm for International Student Assessment) zu beteiligen. PISA ist Teil des Indikatorenprogrammes INES ( Indicators of Educational Systems) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) PISA hat die Zielsetzung Daten für Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten von 15- jährigen Schülern in den Bereichen Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften zu ermitteln. Zusätzlich werden bereichsübergreifende Basiskompetenzen, die für methodisches, selbständiges und kooperatives Lernen notwendig sind sowie Indikatoren für die Motivation erfasst. Bei der Interpretation der Ergebnisse werden soziodemographische Merkmale berücksichtigt.

Das gesamte Erhebungsprogramm besteht aus drei sich überschneidenden Zyklen. Im Zentrum des ersten Zyklus (PISA 2000) steht die Erfassung der Lesekompetenz. An der Untersuchung haben sich 32 Staaten beteiligt .Die internationale Untersuchung wurde in Deutschland durch eine Reihe von nationalen Optionen ergänzt. Dadurch wurde gewährleistet, dass Stoffgebiete und Problemstellungen, die in deutschen Schulen gelehrt werden aber im internationalen PISA-Test nur unzureichend repräsentiert sind, auch getestet wurden. Außerdem wurde im Rahmen von PISA erstmalig auch ein Leistungsvergleich zwischen den Bundesländern durchgeführt. Diese Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht.

Die Ergebnisse

Schwach im Lesen, großes Qualitätsgefälle, Soziale Unterschiede-
Beim Lesen und Verstehen von Texten kommen deutsche Schüler unter 32 Staaten auf Rang 21 bis 25.

Lediglich 9% der deutschen Schüler erreichen beim Lesen die höchste Kompetenzstufe. Diese Schüler verstehen auch schwierige Texte und können daraus Schlüsse ziehen. Der durchschnittliche Prozentsatz liegt bei 10%. Spitzenwerte mit 15% erreichten z. Bsp. Kanada, Finnland, Großbritannien, Neusseeland und Australien.

Fast jeder vierte deutsche Schüler erreicht nur die Leistungsstufe I (22,6%) Das sind die Schüler, die z. Bsp. Bei den Einstellungstests der Wirtschaft erhebliche Probleme bekommen.

9,9% schaffen nicht einmal die erste Stufe. (Durchschnitt:6%). Deutschland belegt bei diesen leseschwachen Schülern den viertletzten Platz von den 32 teilnehmenden Ländern. Schlechter sind nur noch Luxemburg, Mexiko und Brasilien.

Trotz aller bildungspolitischer Bemühungen um Chancengleichheit ist in keinem anderen Industrieland die soziale Herkunft so entscheidend für den Schulerfolg wie in Deutschland. Herkunftsbedingte Lernnachteile werden nicht ausgeglichen. Kinder aus der Oberschicht haben eine viermal größere Abiturchance. Häufig bleiben Unterschichtskinder mit sehr guten Leistungen in der Hauptschule. Ausländerkinder werden schlechter als in anderen Industrienationen mit ähnlichem Ausländeranteil gefördert. Deutschland hat die größte Spannweite zwischen guten und schlechten Schülern. Mit vergleichbaren Bildungsausgaben erreichen andere Staaten bessere Bildungsergebnisse.


Finnische Rezepte

Die finnischen Schüler sind Weltmeister im Fach Lesekompetenz. Sie profitieren in erster Linie vom guten Sprachunterricht. Motto: Wer schwach ist, wird stark gemacht.

Schon in der Vorschule und natürlich in der ersten Klasse kommen speziell ausgebildete Lese- und Sprecherzieher in die Gruppen und Klassen. Diese Lehrkräfte haben Finnisch als Fremdsprache studiert. Die Kinder, die Nachhilfe brauchen erhalten Einzelunterricht. Ausländerkinder erhalten Stützunterricht in Gruppen.

Der muttersprachliche Unterricht ist sehr anspruchsvoll. Von der ersten bis zur neunten Klasse umfasst er durchschnittlich drei bis vier Wochenstunden. Schwerpunkte sind Grammatik und Leseverständnis, die eigene Produktion von Geschriebenem und Gesprochenem sowie das Sammeln von Informationen. Das Leseverständnis wird nicht nur an Texten aus dem Lesebuch geübt, sondern auch an Zeitungsartikeln, an Internettexten und Werbeartikeln. Erst im achten und neunten Schuljahr werden die Schüler an die Literatur herangeführt. Sie müssen sich die Bücher mit kleinen Buchrezensionen erarbeiten.

Schon in den ersten Schuljahren werden die Kinder ermutigt Bücher zu lesen. Trotz Internet spielen die Bibliotheken im Leben der finnischen Schüler eine große Rolle.
Das finnische Fernsehen sendet alle ausländischen Filme in der Orginalsprache, versieht sie aber mit finnischen oder schwedischen Untertiteln. Schon die Zweitklässler beginnen die Untertitel zu verstehen, da die Textmenge überschaubar ist, weil die Dialoge meist verkürzt sind.. Die Lesegeschwindigkeit und das Leseverständnis verbessern sich dadurch erheblich. Sicherlich auch ein Grund für das sehr gute Abschneiden bei PISA.

Reaktionen von Wirtschaft und Politik

PISA hat auch die Wirtschaft geschockt. Der Test hat gezeigt, dass ein großer Teil der Jugendlichen die Mindestanforderungen für einen Ausbildungsberuf nicht erfüllt. Der Präsident des Deutschen Industrie-und Handelskammertages Braun fordert als Sprecher der Wirtschaft eine neue Lernkultur und nimmt dafür die Eltern in die Pflicht:" Eltern müssen ihren Kindern durch ihr eignes Vorbild und Beispiel vermitteln, dass es Spass macht zu lernen." Schule werde zu oft als Reparaturbetrieb missverstanden, in den die Kinder nach misslungener Erziehung zur Besserung abgeschoben werden. Die Wirtschaft sei gerne ein Partner der Politik, doch kann der Staat nicht aus seiner Verantwortung für die Schulen entlassen werden.


Natürlich soll sich nun einiges in der Bildung ändern. Am 5. Dezember hat die Kultusministerkonferenz einen Maßnahmenkatalog verabschiedet. Die wichtigsten Empfehlungen sind:

  • Verbesserung der Sprachkompetenz im vorschulischen Bereich, frühes Lernen einer Fremdsprache
  • Verbesserung der Grundschuldbildung und der Lesekompetenz sowie des grundlegenden Verständnisses mathematischer und naturwissenschaftlicher Zusammenhänge
  • Förderung benachteiligter Kinder, insb. auch Ausländerkinder
  • Frühes Fördern von Kindern mit besonderen Begabungen
  • Verbesserung der Professionalität von Lehrern
  • Ausbau von Ganztagsangeboten
  • Verbesserung und Sicherung der Schul- und Unterrichtsqualität

Schluss mit sparsam verkünden die Kultusminister als Reaktion auf PISA. Sie fordern mehr Geld für Schulen, Ganztagsunterricht und Lehrerqualifikation, sie fordern mehr geistige Anstrengung, mehr Erziehung, mehr Anerkennung für Lehrer und Pädagogen. Die internationalen Schulleistungsstudien belegen, dass Bildungserfolge auch im Kopf der Bevölkerung und im Umgang miteinander beginnen. Reine Wissensvermittlung reicht nicht aus. Auch die Werteerziehung soll künftig wieder eine größere Rolle spielen.