Erkennen von Wahrnehmungsstörungen

Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS)

Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) ohne und mit Hyperaktivität (ADHS) sind in Ihrem Verhalten und beim Lernen auffällig. Das ADS ist heute die weltweit häufigste kinderpsychatrische Diagnose. In Deutschland sind eine halbe bis eine Million Kinder betroffen, davon 80% Jungen. ADS ist die Krankheit, die bereits im 19. Jahrhundert von dem Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann in seinem "Struwwelpeter" beschrieben wurde. Mit dem "Zappelphilipp" und "Hans-guck-in die Luft" hat Hoffmann diese Störung treffend personifiziert. Für den englischen Kinderarzt Still ist allerdings nicht die Erziehung oder Umwelt, sondern eine angeborene Konstitution die Ursache dieser Störung. Seit den 70er Jahren ist aufgrund von Zwillingsstudien eine genetische Komponente bekannt. Leidet ein Elternteil unter ADS, besteht für ein Kind ein ADS-Risiko von 20-30%.

Das ADS beruht auf einer Reizfilterschwäche, d.h. die Informationen aus der Umwelt strömen ungefiltert auf das Kind ein. Es kommt zu einer Informationsflut, die nicht oder nur unzureichend bewältigt und verarbeitet werden kann. Die Patienten sind impulsiv, leicht ablenkbar, unkonzentriert und leicht frustriert. Häufig kommt es zu Überreaktionen, oft gekoppelt mit Hyperaktivität und Aggressivität. Natürlich treten die Verhaltensauffälligkeiten in der Gruppe verstärkt auf.

ADS Kinder sind in der Regel hochmotiviert und außergewöhnlich kreativ. Durch ihren Einfallsreichtum bringen sie jedoch Eltern und Lehrer fast zur Verzweiflung. 80% der Patienten mit ADS leiden auch als Erwachsene unter ADS. Manche Symptome sind abgeschwächt oder verschwinden. Die mangelnde Konzentration und innere Rastlosigkeit bleiben in der Regel erhalten. Daraus resultiert auch eine erhebliche Suchtgefährdung (30%).

Die Entstehung des ADS ist nach heutigen Erkenntnissen multifaktorell. Bei genetischer Präposition können Beeinträchtigungen des ZNS im Mutterleib durch Alkohol, Nikotin und andere Drogen sowie auch psychosoziale Umstände eine Rolle spielen. Gefährdet sind auch Frühgeburten mit einem Geburtsgewicht unter 1 500 Gramm. Durch die neuen bildgebenden Verfahren wurde festgestellt, dass bestimmte Hirnareale, die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit steuern bei ADS-Kindern Veränderungen aufweisen. Betroffen ist u.a. das Frontalhirn, das dafür zuständig ist, sich zu konzentrieren, etwas zu planen und eine zeitliche Vorstellung davon zu entwickeln.

Es gibt verschiedene Ansatzpunkte, wo bei ADS-Patienten die Schwachstellen sein könnten. Diskutiert wird u.a. auch eine Stoffwechselstörung der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin. Die Regulations- und Kontrollsysteme für die Neurotransmitter sind äusserst komplex und können durch Psychopharmaka leicht gestört werden, zumal, wenn sich das Gehirn noch in der Entwicklung befindet. Auch deshalb ist der Einsatz von Methylphenidat (Ritalin) sehr kritisch abzuwägen. Amerikanische Kinderärzte wiesen maskierte Allergien bei hyperaktiven und agressiven Kindern nach. Anstatt Psychopharmaka zu verabreichen identifizierten sie die Allergene und führten eine Allergietherapie durch. In vielen Fällen besserten sich die Symptome.

In jedem Fall unterstützen begleitende verhaltentherapeutische Maßnahmen mit Elterntraining die Kinder und Eltern im Umgang mit ADS (vgl. dazu auch Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie: http://www.dgkjp.de).